
Diesem Dialog sollte man zuhören - Je mehr die Neurologen in die Geheimnisse des menschlichen Gehirns eindringen, desto durchlässiger werden die Grenzen zu Themengebieten, die bis anhin den Geisteswissenschaftlern vorbehalten waren. Auch wenn die Hirnforscher weder das Gottes-Gen noch den Kaufknopf finden werden, können sie doch Aussagen treffen, die häufig überraschen und manchmal beunruhigen. Von einem der weltweit führenden Neurologen zu hören, was die Naturwissenschaften zur Meditation zu sagen hat, kann auch davor schützen, jeden Unsinn schlecht recherchierter Artikel populärer Medien zu glauben. Zudem ist der Gesprächspartner von Wolf Singer eine äußerst interessante Persönlichkeit. Denn Matthieu Ricard war Molekularbiologe, bevor er vor 35 Jahren in den Himalaja zog und buddhistischer Mönch wurde.Ein Dialog, lautet der Untertitel dieses Buches. Und darunter verstehen Wolfgang Singer und Matthieu Ricard tatsächlich einen Austausch von Erfahrungen und Wissen auf gleicher Augenhöhe. Nie hat man als Leser das Gefühl, hier gehe es darum, wer der Hecht im Teich sei. Jeder hört dem anderen zuerst aufmerksam zu, bevor er das Wort ergreift, um dann auf Fragen zu antworten oder durch das Gesagte Fragen aufzuwerfen. Aber sie weichen auch nicht aus einer falsch verstandenen Friedenkundgebung von eigenen Denkmodellen ab, wenn sich Widersprüche auftun. Diese Dialoge haben einen Rhythmus, der es dem Leser erleichtert, dem Inhalt zu folgen.Und was nahm ich als Quintessenz von diesem Dialog mit? Allem voran die Gewissheit, dass es sich lohnt, grenzüberschreitende Forschung zu betreiben und klugen Köpfen zuzuhören. Allerdings nur, wenn man sich auf einen Gegenstand einlässt und sich der Versuchung entzieht, alles auf schnell verdaubare Häppchen zu reduzieren. Gerade in einer Zeit, in der sich die Vertreter des positiven Denkens wieder lautstark zu Wort melden und auf die Plastizität des menschlichen Gehirns hinweisen, sind differenziertere Betrachtungen wichtig. Ja, das Gehirn ist ein dynamisches System, das sich dauernd verändert und neu verknüpft. Aber Wolfgang Singer und Matthieu Ricard zeigen aus verschiedenen Blickwinkeln glasklar auf, dass sich Persönlichkeitsstrukturen nur sehr langsam und nur durch jahrelanges Üben verändern lassen. In dreißig Tagen oder nach einem Seminarwochenende wird niemand die Ängste seine Kindheit los. Und auch das Glück stellt sich nicht automatisch nach der Lektüre eines Ratgebers ein. Mein Fazit: Mit wohltuender Langsamkeit und Präzision nähern sich Wolfgang Singer und Matthieu Ricard einem Thema, das gewöhnlich allzu salopp und effekthascherisch vermittelt wird. Nebst tiefen Einsichten in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns bekommt der Leser ganz nebenbei Anschauungsunterricht in Gesprächsführung und aufmerksamem Zuhören. Zu hoffen ist nur, dass auch all die selbsternannten Alpha-Wellen-Spezialisten und Glücksexperten ihre Nasen in dieses Buch stecken.
Etwas mager - Welch ein spannendes Thema, und welch ein dünnes Büchlein! Mir fehlte die Tiefe in diesem Buch, und Hinweise, wo ich mehr zu dem Thema nachlesen könnte. Auch für nur zehn Euro deutlich zu wenig.
Interessantes Gespräch - In Hirnforschung und Meditation treten beide in Dialog und reden über Meditation und Hirnforschung als zwei Wegen zum Verständnis des menschlichen Geistes. Zunächst macht Ricard deutlich, dass der buddhistische Weg kein emotionsloser Weg ist, dass es nicht darum geht, ein klares und von allen Emotionen befreites Bewusstsein zu erreichen. Vielmehr ist von Bedeutung, sich von seinen Emotionen nicht versklaven zu lassen, sich von konfliktträchtigen Affekten, wie Festhaltenwollen oder Leid, freizuhalten. Meditation ist nicht nur ein Weg mit diesen Emotionen umzugehen, sondern will auch bestimmte Geisteszustände, wie Mitgefühl, kultivieren. Als Wissenschaftler benutzt Singer andere Worte als der Buddhist Ricard. Singer fragt nach Lernprozessen, nach der Entwicklung neuer Fertigkeiten, nach Aufmerksamkeit und der Modulation mentaler Zustände. Er spricht über neuronale Grundlagen beim Lernprozess, der die Meditation ist, und über kognitive Kontrollmechanismen, die Aufmerksamkeit erfordern und modulierend auf bestimmte Hirnstrukturen einwirken. Im Verlauf des Gesprächs werden nicht nur die Begriffe gegenüber gestellt und mögliche neuronale Mechanismen erläutert, sondern auch Ergebnisse von Studien vorgestellt, in denen Personen während einer Meditation untersucht wurden.Obwohl sich Ricard letztlich für einen anderen Weg des Erkenntnisgewinns entschieden hat als Singer, ist ihm die westliche Wissenschaft aufgrund seiner universitären Ausbildung nicht fremd. Für das Gespräch, das in Hirnforschung und Meditation in Auszügen veröffentlicht wurde, ist das von Vorteil. Obwohl Ricard die Sicht des Buddhismus vertritt und erklärt, kennt er die Denkweise der westlichen Wissenschaften und kann sich in dessen Gedankengebäude ebenso sicher bewegen wie im buddhistischen. Anknüpfungspunkte zwischen den zwei Methoden werden dadurch noch deutlicher. Jedem, der an neuronalen Korrelaten von Meditation interessiert ist, sei dieses Büchlein empfohlen. Ein bisschen neurowissenschaftliche Vorbildung ist sicher von Vorteil, grundsätzlich aber sollte das Gespräch auch für Laien verständlich sein. Die Form des Dialogs hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Ein Gespräch wird viel weniger durch eine vorherbestimmte Struktur bestimmt als ein Buch und vielmehr durch einen assoziativen Verlauf. Durch eine Einteilung in insgesamt 46 kurz gehaltene Abschnitte mit themenbezogenen Überschriften wird dem Leser jedoch ein Hilfsmittel an die Hand gegeben, dem Gespräch besser folgen zu können. Ein Vorteil ist, dass Fragen direkt gestellt und beantwortet werden. Während Wolf Singer naturgemäß eher Fragen zu buddhistischer Lehre und meditativer Praxis stellt, zielen die Fragen von Matthieu Ricard eher in Richtung neurowissenschaftlichen Verständnisses. Ein interessantes Gespräch über die Praxis der Meditation und entsprechende neuronale Mechanismen, das auch als Einführung in die Themen gelungen und geeignet ist.
Interessantes Buch zu einem hochspannenden Thema - Dieses kleine Büchlein ist ein Ausschnitt aus Dialogen zwischen Matthieu Ricard und Wolf Singer, die diese in Frankfurt bzw. Katmandu geführt haben. Themen der Dialoge sind v.a. Durchführung und Ideen buddhistischer Meditation sowie neueste neurologische Ergebnisse der Meditations-Forschung. Dabei ist es meistens so, dass Ricard die buddhistische Philosophie erläutert und Singer die häufig dazu passenden experimentellen Ergebnisse vorträgt.Insgesamt finde ich das Buch gelungen. Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie die Zusammenarbeit zwischen westlichen und östlichen Wissenschaften neue, faszinierende Ideen und Erkenntnisse liefert. Dabei haben mich v.a. einige Aussagen Ricards zum Nachdenken angeregt. Dieses Buch zu lesen hat sich damit sicherlich gelohnt. Negativ aufgefallen ist mir die doch teilweise etwas chaotisch ausgefallene Strukturierung des Buches. Dies liegt wahrscheinlich auch daran, dass ein Gespräch eine andere Dynamik als ein Buch besitzt und die Transformation nicht ganz leicht ist. Teilweise wirken die Abschnitte auch etwas kurz und man hätte sich mehr Material zu einem Thema gewünscht. V.a. gewünscht hätte ich mir aber hin und wieder mal einen Kasten mit Erklärungen zu bestimmten Fachbegriffen. Dies würde meiner Meinung nach die Qualität und Lesbarkeit des Buches noch deutlich erhöhen. Natürlich hängt das aber auch davon ab, an welche Zielgruppe das Buch adressiert ist.
Ein gelungener Diskurseinstieg - Ein Naturwissenschaftler und ein ehemaliger Naturwissenschaftler, der nun ein buddhistischer Mönch ist stellen in einem Dialog ihre jeweiligen Fragestellungen zum denken, Handeln und Fühlen einander gegenüber und dabei auch den Leserinnen und Lesern vor. Der so entstehende - offensichtlich mit Lehrabsicht gehaltene - Dialog umfasst ein erstaunlich breites thematisch spektrum, verweist damit auf viele Zusammenhänge und zwingt dazu, sich selbst die Fragen zum Weiterforschen zu stellen, die eben von der Naturwissenschaft westlicher Prägung noch nicht im Sinne der Methode allgemein als beantwortet gelten könnne (wobei Kontroversen im Feld der Hirnforschung selbst nur sehr vage angerissen werden. Hier ließe sich noch eine Menge zu schreiben. Aber das hätte der Intention der Denkweisenverbindung/-gegenüberstellung wenig genutzt und die Leserinnen und Leser auf unpassende Nebenkriegsschuaplätze geführt. Man sollte aber wissen, dass es sie gibt. Ein guter einstieg für jeden, der sich an der Diskussion beteiligen möchte - ob rezeptiv oder produktiv.